Jau, hier is nochma der Zuchführär! – Hallo Norddeutschland.

März 3, 2009 at 1:28 pm (istanbul, Zuhause)

Rike ist wieder in Deutschland. Total erkältet und schon während des Fluges von so einigen eigenartigen Deutschen aufs Blut genervt. Ja, es macht einen Unterschied, ob man jedes Wort versteht. Herrjeh sind wir eine deprimierende Existenz. Linn und ich hatten uns schon in den letzten Tagen in Istanbul mit RTL auf das einzustimmen versucht, was uns hier erwarten würde: „Teenager außer Kontrolle“. Kaum im Zug von Hamburch Hauptbahnhof nach Elmshorn, bekam ich RTL live. Dämliche Dorfjugend und im Solarium Identität suchende Frauen, die alte Menschen stehen lassen und mich, mit ca 40 Grad Fieber in der Ecke hängend, fast zum Explodieren brachten. Einziger Lichtblick war das unglaublich breite Norddeutsch des Zugführers, der uns im Minutentakt über die auf den Gleisen spielenden Kinder informierte, die mich weitere 40 Minuten im Zug rumstehen liessen.

Naja. Jetzt bin ich wieder hier und bei Mama ist es manchmal wirklich am Schönsten. Vor allem wenn man so ein bißchen krank ist. Und das hier ist auch eher ein Lebenszeichen als ein ernstgemeinter Text. Schön wars, Istanbul, ich bin bald wieder da! Und anderes später.

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„Was cookst du?“ Deukische Verwirrungen.

Februar 21, 2009 at 4:25 pm (istanbul)

Wenn Deutsche versuchen, Türkisch zu sprechen und Türken versuchen, Deutsch zu sprechen, dann kann das witzig enden.

Geertje und ich bereiteten gerade eine Nudelpfanne zu, als Burcu in die Küche kam, einen selbstgebauten deutschen Satz auf der Zunge zurechtgelegt: „Was cookst du?“ Vor Lachen fiel mir fast der Löffel aus der Hand. War das jetzt ein Witz, Zufall oder glaubte sie, der Satz wäre so richtig? Aber ich wusste, das Burcu Kayar Yanar nicht kannte. Ein paar Erklärungen später lachten wir alle.

Ebenso auf dem Gewürzbasar. Ich fragte nach Zimt. Auf Türkisch. Dann noch Lokum. Zwischendrin abgehackte Fragen auf Deutsch an Geertje. An einer Stelle ging die Verständigung auf Türkisch dann nicht mehr so flüssig. Der Verkäufer klopfte mir auf die Schulter. „Sie können auch…“ begann er einen Satz in fliessendem, leicht türkisch klingenden Deutsch. Dann stockte er kurz. Klopfte mir wieder auf die Schulter und rief auf Deutsch zu seinem Kollegen: „Ey, ist das nicht witzig, sie versucht, Türkisch zu reden, ich Deutsch. Wahrscheinlich treffen wir uns gleich bei Chinesisch und verstehen nichts mehr.“ Sein Deutsch war doch echt gut. Goethe-Institut!

Die Zisterne

Die Zisterne

Ein wenig später standen Geertje und ich in der Nähe der Zisterne, unserem touristischen Ziel des Tages. Ein Junge verkaufte schöne kleine Notizbücher, neben ihm saßen zwei Männer. „Nerelisiniz?“ Woher kommt ihr? „Almanyaliyiz!“ Der ältere Mann strahlte. Auf Deutsch erläuterte er uns die Vorzüge dieser Bücher seines Neffen und erfand kurze Tagebucheinträge für uns, die wir hineinschreiben könnten. Er zeigte uns Visitenkarten aus Hamburg und Lübeck. Später stellte sich heraus, dass er 1966 als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war. „Trinkt einen Tee in meiner Werkstatt! Wir machen maßgeschneiderte Lederjacken. Schaut es euch an!“ Wir folgten dem alten Mann, der jüngere folgte uns, er sprach kein Deutsch. Der alte schimpfte über den jungen Mann: „Er ist Meister in meiner Firma, aber er geht immer weg und macht Pause!“ Im dritten Stock eines Geschäftshauses nahe der Zisterne betraten wir die Lederwerstatt. Orhan begrüßte uns auf Deutsch. „Aus welcher Stadt kommt ihr?“ „Hamburg!“ antworteten wir. Orhan strahlte. „Hummel Hummel! Ich hab mal in Eidelstedt gelebt!“. Nach einer netten Viertelstunde rund um die Themen Migration und Religion verabschiedeten wir uns freundlich und machten uns auf den Weg unter die Erde, in die große, schöne, alte Zisterne.

Auch auf dem großen Basar die immer selben Phrasen in allen Sprachen der Welt. Und ein niedlicher alter Mann, der mir vor die Füße sprang. Er strahlte mich an. „Hallo! Guckguck! (Pause, dann mit gehobener Stimme quietschend:) Sempatik!“

Regen und Geertje am Bosporus

Regen und Geertje am Bosporus

Ansonsten folgen weitere Begebenheiten und Fotos in den kommenden Tagen. Hier schoneinmal ein Danke an Geertje fürs Hiergewesen sein und fürs schöne Fotos zur Verfügung stellen.

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Der Tag, an dem ich beinahe Moritz Bleibtreu traf…

Februar 13, 2009 at 8:20 pm (istanbul)

Ok, das ist gelogen.

Aber in meiner manchmal blühenden Phantasie war es so. Nach regenfluchtbedingtem Börek, Baklava und Tee mit Judith in der Pastane neben dem Sprachenzentrum wollte ich im regnerisch, stürmischen Wetter von Beşiktaş aus einen kleinen Spaziergang an der Bosporuspromenade machen. Vorbei an angelnden Männern, zappelnden kleinen Fischen und anderen sturmfesten Menschen lief ich, gute Laune versprühend, auf die große Galatabrücke zu, an dessen Fuß sich am „Freitag um 12“ in dem Fatih Akin Film „Im Juli“ Moritz Bleibtreu und seine Traumfrau treffen. Es war Freitag. Zwar schon nach 12, aber man kann es ja mal probieren. Ich lief, guckte, sog Glücksgefühle in mich ein, und zack. Die Promenade fand ein jähes Ende. Café-Sackgasse, kein Entkommen. Oh nein. So würde ich den Treffpunkt nie erreichen. Etwas frustriert, weniger wegen des geplatzten fiktiven Treffens als vielmehr aufgrund der mangelnden Alternativen in meiner Wegwahl, kehrte ich um. Auf dem Rückweg kaufte ich mir endlich einen Regenschirm. Nun bin ich ein echter Istanbuler – 7 von den durchschnittlich 15 Regentagen im Februar sind jedoch schon rum.

Der Tag, an dem ich einen wirklich miesen Imbiss testete…

Am Mittwoch wollten wir fünf von sechs deutschen Sprachkursmädels zusammen etwas Essen gehen. Zielsicher suchten zwei von uns sich einen nicht gerade gemütlich aussehenden Imbiss aus, bei dem man sich kantinenartig einen Teller zusammenstellen lassen konnte und dann an einer Kasse bezahlte. Mangels ausgereifter Türkischkenntnisse machten wir den Männern hinter der Scheibe mit Wortfetzen und Zeigefinger klar, was wir wollten – aber wir wussten selten, was es war. Das löste bei manchen Beilagen später bei einigen Ekel aus. Als Constanze dann in den in Mayonaise getränkten Auberginen ein dickes Haar fand, fühlten wir uns schon alle ganz schlecht. Etwas grün im Gesicht schritt Constanze zur Kasse, um uns alle zu desinfizieren: „Affedersiniz, Rakı var mı?“ (Entschuldigung, haben sie Raki – Schnaps?) „Hayır, yok!“ (Nein, ham wa nich.) Mh, Constanze ging dann erstmal mehrere Zigaretten rauchen, während die Afrika- Nah-Ost und Brasilien-Erfahrenenen Reisenden am Tisch die Symptome erörterten und schlimme Krankheitsverläufe skizzierten. Mir war auch schon ganz schlecht. Zwei gingen dann auch, ernsthaft magenverdorben, nach Hause. Wacker machten Judith, Daniela und ich uns jedoch zu einem kleinen Spaziergang auf. Die Istiklal Caddesi entlang, am Galata-Leuchtturm vorbei durch die Musikstraße (viele Musik(instrumenten)läden, Straßenmusiker) ging es nach Karaköy ans Wasser, über die Brücke nach Eminonü. Fischmarkt, fischende Männer, dann der touristische Trubel Eminonüs, denn von dort sind Hagia Sophia, Topkapı Saray, der ägyptische Gewürzbasar und auch der große, schöne geschlossene Bazar nicht weit. Letztere beide erkundeten wir ausgiebig. Und wir sprachen viel, viel türkisch. Handeln, woher kommen wir, wo lernen wir, was gibts sonst so… Ein Tee bei diesem Händler, eine Visitenkarte bei jenem Händler. Wir waren wirklich zufrieden mit uns. Von Eminonü ging es dann mit dem Schiff nach Kadiköy. Auf dem Schiff saßen uns zwei unglaublich lieb guckende, leicht ärmlich wirkende Frauen gegenüber, die uns interessiert beobachteten. In unsere Unterhaltung mischten sich kleine türkische Wortfetzen und Satzteile, was den beiden Damen nicht verborgen blieb. Sie schienen sich zu amüsieren. Daniela rekonstruierte mit unserer Hilfe die Liste der Monatsnamen auf Türkisch. Wir waren völlig darin vertieft, als sich eine der beiden Frauen einmischte, und uns bei dem Monat „September“ in der Aussprache verbesserte. Wir lachten, die beiden waren wieder still mit ihrem Simit, ihrem Sesamkringel beschäftigt. Bei einem Zwischenstopp machten die beiden Anstalten, das Schiff zu verlassen. Die Ältere knuffte mich freundlich in den Arm, zwinkerte mir zu, murmelte etwas und verabschiedete sich. „Güle, güle!“ sagten wir. Von Kadiköy aus nahmen Judith und ich die Fähre nach Beşiktaş, wo sich auch unsere Wege trennten.

Der Tag, an dem ich einen Istanbul-Roman schreiben wollte…

Meine WG ist sehr spannend. Soeben haben wir einen Fernseher bekommen. Das ist nicht spannend. Viel spannender sind die Geschichten drumherum. Es geht um arrangierte Ehen, schwule Boyfriends die aber doch irgendwie das Mädchen wollen, Escort-Service, Pornofilme und Politik, in Armenien verschollene Mitbewohner, morgen abreisende seit über 24 Stunden in Istanbul verschollene Mitbewohner und mysteriöse Uhrenverkäufer. Aber um das zu erklären und genügend auszuschlachten und weiterzuentwickeln, brauche ich wirklich ein Buch.

Der Tag, an dem Geertje kommt…

Morgen Nacht ist es soweit! Geertje landet in der schönsten Stadt der Welt! Für eine ganze Woche – mit viel Spaß und Produktivität und Spaaaaaß…….

Sonra, Istanbul’da çalışacağım, çünkü başka bir yerde yaşamak istemiyorum!

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Istanbulda çok güzel! In Istanbul ist es sehr schön!

Februar 7, 2009 at 6:48 pm (istanbul)

Kennt ihr noch den Witz mit dem Hasen, der ständig in die Apotheke geht und fragt: „Hattu Möhren?“? Nachdem der Apotheker ihn zusammengeschlagen hat, weil er sich vom Hasen auf den Arm genommen fühlt, kehrt der Hase ein letztes Mal zurück. „Hattu Möhren?“ „NEIN!“ „Muttu kaufen!“

In meinem Sprachkurs am Freitag wollte der Lehrer unser Hörverstehen trainieren und erzählte uns einen Witz. Geht ein Tavşan (Hase)  in die Apotheke. „Havuç var mı?“ (Hast du Möhren?). Mit dieser Frage treibt der kleine Hase den Eczaneci (Apotheker) in den Wahnsinn, denn er kommt jeden Tag wieder. Jeden Tag schickt er ihn für Möhren in den Gemüseladen gegenüber. Letztendlich rastet der Apotheker aus und schlägt dem kleinen Tavşan ins Gesicht. Dieser taucht in den kommenden Tagen nicht auf, und der Apotheker ist froh. Doch dann steht ein bandagierter kleiner Tavşan in der Tür, die Zähne fehlen. Er lispelt fröhlich: „Havuç suyu var mı?“ (Hast du Möhrensaft?).

Salata var!

Ja, die selben Geschichten überall. Kurz darauf war eine der Kursbesucherin von einer grammatischen Eigenart vollkommen verwirrt. Mein Lehrer Hakan klatschte begeistert in die Hände. „Salata var!“ (Salat ist vorhanden.) Ich interpretierte das als „Da haben wir den Salat!“. Leider ist das aber eher: „Nun haben wir alles vermischt!“ Wie meine Mitbewohnerin mir am Abend erklärte.

Der Sprachkurs ist wirklich nett. Mit zwei Nachzüglern sind wir jetzt 6 deutsche Studenten, 3 sehr sehr lebhafte Italienerinnen in den 40ern, eine Kirgisin und ein Franzose, der so ziemlich jede Sprache der Welt ein bisschen sprechen kann.

Endlich wieder Meer vor der Haustür…

Während ich hier sitze und schreibe, habe ich die Balkontür sperrangelweit offen, denn wir können die Heizung nicht selber regulieren und kühlen durch Öffnen der Fenster. Das ist zwar ökologischer Wahnsinn, aber so komme ich in den Genuss, Istanbul um mich herum permanent zu erleben. In der Wohnung nebenan, beim Ballettänzer, spielt jemand Gitarre. Ich höre Möwen kreischen und die großen Schiffe auf dem Bosporus ihre Hörner blasen.

Hüzün…

Von meiner Haustür sind es knappe 10 Minuten bis zum Fähranleger. Mit einer Studentenkarte kann ich für 30 cent die 20minütige Fahrt nach Kadiköy auf der asiatischen Seite machen. Das habe ich vorgestern nach dem Sprachkurs genutzt. Und dabei durchlief ich alle Stadien des Verliebtseins. Verliebt in die Stadt Istanbul.

Am Fähranleger drängelten sich bereits viele Menschen, die Sonne schien, es war klar, dass jeder versuchen würde, einen sonnigen Platz an Deck zu bekommen. So stürmten wir, als die Tore geöffnet wurden, alle an Deck.

Die Sonne schien, Pärchen fütterten Möwen, die in raschem Flug unser Schiff begleiteten. Die Wellen rauschten und man konnte Istanbul, die große Brücke, einfach alles in Ruhe vom Meer aus beobachten. Ich habe nie gewusst, was für anmutige Tiere Möwen sind. Zwar flogen sie ein bisschen „Meins, meins!“ Findet Nemo-gleich neben uns her, aber die Möwe, die lange Zeit auf Augenhöhe mit mir flog, war so schön!

Ich schwankte permanent zwischen „Ich könnte heulen, so schön ist das.“ „Ich möchte schreien, so schön ist das!“ und „Ich möchte laut lachen, so gut ist es hier zu sein, am Meer, in Istanbul.“

Nach 20minütiger Fahrt erreichte ich Kadiköy. Ich stiefelte ein bisschen durch die Gassen, hoch zur Einkaufsmeile, kaufte mir Schreibzeug für meinen Kurs, wollte dann aber so schnell wie möglich zurück aufs Wasser, um dort die untergehende Sonne zu geniessen.

Auf der Rückfahrt waren die Schmetterlinge in meinem Bauch noch viel größer. Es war fast zu viel Kitsch, um es als einzelner Mensch zu verkraften. Orange-Rotgolden ging die Sonne über der Hagia Sophia unter, ein Mann stand als Schattenfigur im Gegenlicht an der Reling und fütterte Möwen.

Am Tag zuvor hatte ich einen Orhan Pamuk Flashback. In seinem Buch „Istanbul“ schreibt er immer wieder von „hüzün“, dem speziellen Istanbuler Gefühl, das sich am ehesten mit Melancholie übersetzen lässt. Und in dem Buch sind viele Zeichnungen und Fotos von großen Schiffen, die im Nebel auf dem Bosporus liegen/fahren. Als ich mit dem Bus zum Flughafen fuhr, um meinen Laptop zu suchen, fuhr ich ein langes Stück am nebligen Bosporus voller Schiffe entlang. Ich glaube jetzt zu wissen, was hüzün ist. Mein Laptop hingegen ist noch immer verschollen, was mich nicht melancholisch, sondern wütend macht. Allerdings auch wieder nicht. Denn noch kann ich in dieser wunderbaren Stadt nicht wirklich wütend sein.

Als Istanbultürkin im Herzen wohne ich auch noch in der besten Istanbuler WG, die ich mir denken kann. Wie man so schnell das Gefühl haben kann, nie mit anderen Menschen zusammengewohnt zu haben, zusammen zu verschlafen, Haare zu föhnen, zu shoppen und zu reden, das ist unglaublich. So war ich auch schon viel mit den Lieben unterwegs.

Zum Beispiel war ich heute mit Burcu im leicht versnobt wirkenden Nışantaşı, wo Orhan Pamuk lebt, çay latte trinken und Schaufenster gucken. Oder gestern Abend in netten Hinterhofkneipen und Pubs in Beyoğlu unterwegs. Plötzlich landeten wir in einem freundlich wirkenden, lebhaften Innenhof, mit kleinen Cafés. Und einem Antiquariat, in dessen Auslage ein bekanntes kleines Buch lag: Küçük Vampır/ Der kleine Vampir. Ich quietschte Zoé ins Ohr: „I know this place!“ Vor mir war der Taschenladen, in dem ich meinen jetzigen Koffer gekauft hatte, als ich im September in Istanbul war. Das bedeutete auch, dass ich die Orientierung wiedererlangt hatte, und eine Minute später standen wir auf der großen Shopping- und Ausgehstraße, der Istiklal Caddesi.

çok köpekler var!

Dort leben, wie überall in Istanbul, die vermutlich dicksten und gechilltesten Straßenhunde der Welt. Faul liegen sie vor Geschäften, stehen mitten im Weg, begleiten einen ein Stück, spielen mit ihren Freunden.  Am Mittwochmorgen stand, mitten zwischen den mit mir auf den Bus wartenden Menschen, ein vermutlich sehr alter, dicker Hund von der Größe eines Golden Retrievers. Er stand mitten im Weg der Hin- und Hereilenden Berufstätigen. Aber niemand scheuchte ihn weg. Während ich auf den Bus wartete, bekam er diverse Streicheleinheiten, er stand als Statue inmitten des Arbeitsverkehr-Molochs.

Ein paar Stunden später, nach dem Sprachkurs, spielte ein junger Mann neben dem Sprachenzentrum mit zwei Hunden, gab ihnen Fleisch aus einer Tüte, und ging davon. Die Hunde umtollten ihn spielend, dann kehrten sie zu ihrer Ecke zurück. Die Hunde haben ihr Revier, sie kennen ihre menschlichen Nachbarn, und ständig sieht man jemanden, der sich um ein Straßentier kümmert. An jeder Ecke sind kleine Haufen Katzenfutter und kleine Wasserschälchen zu sehen. Denn wilde Katzen gibt es noch viel mehr als Hunde.

Migros Kartı var mı?

Ich freue mich immer, wenn ich zu Migros zum Einkaufen gehe. Als Kind, in der Schweiz, waren wir auch immer bei Migros. Also ist Migros in meinem Kopf immer mit Urlaub verknüpft. Zudem sah ich im September im Festsaal Kreuzberg einen Schweizer Poetry-Slammer, der die Geschichte der Migros-Kinder und der Coop-Kinder erzählte, also Einkaufsvorlieben in den beiden großen Supermärkten, die in seiner (und somit auch meiner) Kindheit in der Schweiz am stärksten vertreten waren. Die Coop-Kinder, das sind die Snobs, die Handballspieler, die Eingebildeten und Hirnlosen, sagt der Vater des Protagonisten. „Du bleibst ein Migros-Kind“, verlangt er von seinem Enkel. Die Migros-Kinder, das waren die jungen Wilden, die Straßenfußballer, die Proletarier, die Sozialisten. „Bleib Migros-Kind!“ Ich war leider ein Mischkind. Aber da es bei Migros tolle Disney-Rubbelbilder und die tolleren Disney-Nudelsuppen gab, war ich als Kind schon im Herzen ein Migros-Kind. Nun habe ich also zu meiner Identität zurückgefunden und bin wieder Migroskind. Vor Migros wohnt die Migroskatze. Sie ist immer da. Sie liegt am linken Rand der Eingangstür, und jedesmal, wenn jemand den Laden betritt, öffnet sich die große elektrische Tür, die Katze wird mit warmer Luft überpustet, ihr Fell plustert sich auf, die Tür schliesst sich.

An der Kasse dann nach einem freundlichen „Merhaba!“ die immer gleiche Frage: „Migros Kartı var mı?“ „Hayır, yok!“ Haben sie eine Migros-Kundenkarte?“ „Nein, hab ich nicht.“ Das kann ich. Dann kriegt die Person nach mir meine Punkte und freut sich einen Keks. Alle haben eine Migros-Karte. Mir graut vor dem Tag, an dem sie mich fragen, ob ich eine beantragen möchte. Denn dann muss ich eingestehen, dass ich nicht genug türkisch kann. Das will ich nicht.

Nun werde ich meine Türkisch-Hausaufgaben machen, Schulter an Schulter mit Burcu, die währenddessen mit meiner Hilfe die „Brüder Löwenherz“ lesen wird. So verbreite ich mein liebstes Kinderbuch in die Welt.

„Wir reiten, wir reiten, wir kämpfen und wir streiten für Freiheit und fürs Recht! Und wer da glaubt wir geben auf und lassen alles seinen Lauf, der kennt uns Brüder schlecht!“

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Nummer Sechs! Ich bin ein echter Terrorist.

Februar 1, 2009 at 8:40 pm (israel, istanbul, jerusalem, palästina)

„Shalom Shalom!“ Mit diesen wie ein „Na aber Hallo!“ klingenden Worten begrüßten mich zwei sehr nette Kontrolleure an der letzten Passkontrolle vor dem Boarding-Bereich. Warum? Zuvor war so Einiges passiert.

Abschied nehmen

Nach einem schönen letzten Tag und Abend in Jerusalem brach ich am Samstag vormittag mit meinem großen Koffer auf zur Pharmacy nebenan, wo mich das Service-Sammeltaxi Nasher zum Flughafen abholen sollte. Doch wie erwartet, hatte die Zentrale den Fahrer an den israelischen Anfang der Straße und nicht zu mir in den palästinensischen Teil geschickt. Ich verklickerte ihm am Telefon, dass ich ca. 500 m weiter aufwärts wartete. Sehr hektisch stieg der gute Mann aus und schmiss meinen Koffer in den Kofferraum. „Get in! I am not supposed to stop here!“ Sehr hektisch baute Carolin meine Simkarte aus dem Handy während wir uns verabschiedeten, und schon düsten wir davon, weg aus dem ach so gefährlichen Abu Tur, das drei Monate lang mein Viertel war.

Wir sammelten zwei Italiener, einen Franzosen und eine Israelin ein, und ab ging es zum Flughafen. Das Wetter war so schön, die Musik so klassisch, ich wurde wirklich ein bisschen sentimental. Doch das änderte sich schnell.

„Are we a Hamas-Organization?“

Beim Passieren der Schranke zum Flughafen stieg der erste Security-Mann ein. „Shalom, Passports Please.“

Kurzes Verhör jedes Passagiers: woher, wohin, Zweck des Besuchs…

Dann wurde der Busfahrer verhört, leider auf hebräisch, aber ich verstand doch das er denen erzählte, er habe mich in Abu Tur eingesammelt. Verräter. Ein anderer Security-Mann stieg ein, Rike wurde als Einzige im Bus nochmals verhört, wo sie denn genau herkomme, also eine Adresse. Und die Fragen von zuvor nocheinmal. Hm.“Do they think we are a Hamas-group???“ fluchte mein Fahrer beim Weiterfahren.

Ein wenig später erreichten wir das Terminal. Der Fahrer (der übrigens zwei Knoblauchknollen in einer Bonbondose mit sich führte….) kam zu mir: „Sweetie, I am so sorry, I had to tell him that I picked you up in Abu Tur! Wish you the best for your check-in!“ Danke. Um das Flughafengelände zu betreten, musste ich an einer weiteren Passkontrolle vorbei. Meine Mitfahrer beantworteten die Standardfragen des Woher und Wohin und passierten. Rike hingegen musste bleiben. „German Organisation…“ …“Cultural Projects“… meine Erklärungswelle setzte von Neuem ein. „Projects on the Holocaust as well?“ Hm. Lügen? „Yes, sometimes“ (und dachte im Herzen an das FES-Büro für Israel). Ich erwartete, dass mich der Blitz treffen würde weil ich log. Der Sicherheitsbeamte, ein junger, gutaussehender Mann strahlte mich an. Er fand das alles ach so toll und die jungen Deutschen seien ja im Gegensatz zur alten Generation echt nett und hätten die Sache mit dem Holocaust häufig begriffen. Mh, ja. Ob ich den Holocaust den jetzt besser verstehen würde, nachdem ich da war? Jaja… „But Fredarika, I have to take you for a short security-check on your luggage.“ Noch ausserhalb der Flughafentüren legte ich meinen Koffer und Rucksack auf einen Tresen und durchlief einen Metalldetektor. Er inspizierte währenddessen meinen Koffer von außen. Ob mir jemand seit dem Packen noch ein „Geschenk“ gegeben habe, dass ja dann vermutlich eine Bombe sei? Nö. „Good, Fredarika. I would love to visit Germany!“ Er zählte ein paar deutsche Floskeln auf. Jaja, nice country, visit me, grinsen, und ich war im Flughafengebäude meiner Wahl.

Da es mal wieder Schabbat war, fuhren nur sehr wenige Service-Shuttles, und ich war über drei Stunden zu früh am Flughafen. Nachdem ich diesen Zeitraum erfolgreich totgeschlagen hatte, widmete ich mich dem Weg zum Check-in Schalter. And that is were the real drama began.

Verhörmarathon

Eine junge Frau stellte sich mir in den Weg. Woher, Wohin, Warum. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich in Jerusalem ein Praktikum bei einer deutschen Organisation gemacht habe und nun in Istanbul einen Sprachkurs machen möchte, bevor mein Semester in Deutschland wieder beginnt.

Erschrockener Blick. „Ok, thank you, wait a second.“ Eine Minute später kam sie mit einer blonden, nett wirkenden, ebenfalls recht jungen Frau wieder. Sie stellte sich als Security-Officer in charge vor, und stellte mir die selben Fragen, mit ein paar mehr Details. Na Fein. „Thank you very much! Wait a second please!“ Zwei andere junge Frauen kamen zu mir. „Hello Ma’am, I am your security-officer. What is the purpose of your visit to Turkey?“ Also nochmal: Language Course. Welche Sprache ich denn in Istanbul lernen will. Ein Grinsen überzog mein Gesicht, und ich war versucht, „Hebräisch“ zu sagen. „Turkish!“ Ok. „Why?“ Deutsches Multikulti-Arbeits-Blabla…. „Ok, thank you very much.“ Sie zog sich zu ihren 5 Kolleginnen zurück, eine hatte mich währenddessen von vorne beobachtet, die andere hatte hinter mir gestanden, vielleicht auch protokolliert. Die zweite Offizierin kam nocheinmal zu mir, ich sollte schildern, was ich in meinem Praktikum gemacht hätte, und was das Büro macht. Ich legte den Fokus auf Besuchsprogramme für deutsche Politiker nach Jerusalem. Was ja als Tätigkeit nicht gelogen war. Trilateral, jaja. Wo war ich in Israel? Jerusalem, Tel Aviv, Eilat!“ Sie half mir auf die Sprünge: „Nablus, Hebron?“ (Sie hatte mich doch nach Israel gefragt … ) „Yes, Bethlehem.“ Ganz böser Blick. Nagut „And Ramallah!“ (Gut so, sie fanden später in einer meiner Hosentaschen einen Fahrschein nach Ramallah. Schmutzwäsche-Hosentasche, wohlgemerkt!) Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Ich wette, sie wusste das. Wir diskutierten aus, warum ich keinen Job hier gemacht habe, sondern nur volunteered habe. „Part of my studies, I have to do a training on the job, and Israel is a fascinating country!“ Es ging weiter mit meinem Studium. „You are in which year?“ Ich rechnete: „Year three. I would be in Semester 7 now. Es folgte die intelligenteste Frage des Tages. „How many semesters do you have in one year?“ Haha. Ich riss mich zusammen und sagte, so neutral wie möglich „TWO!“ Spitzfindig platzierte sie eine weitere Frage: „So you are in year 4, not 3!“ Na da hatte ich mich jetzt aber in ein Lügengebäude verstrickt. Triumphierend lachte sie ihre Chefin an. Ich erklärte, dass ich aber ja dieses Semester nicht in der Uni war, und so mein Drittes beendet hätte. (Vielleicht lernt man nach ihren Katalogen erst in Year 4 wie man ein Attentat verübt…) Da kam die Frau zu mir, mit der ich bisher noch nicht geredet hatte. Schnippisch, böse, fragte sie: „Silly story, you came here and paid everything yourself. Why would anyone do this?“ Erklärungsversuch, Verweis auf deutsche Praktikumskultur. Unglaube. Beratungspause. Eine neue, sehr herrisch wirkende Frau kam herbei, eine höhere Rangstufe. „Ma’am, I need to ask you a few questions!“ Sie nahm meinen Gepäckwagen und schob mich zu einem abgetrennten Bereich in der Check-In Halle. Dann stellte sie mir alle Fragen ihrer Kolleginnen samt fieser genauerer Nachfragen nocheinmal. Ich war mittlerweile sehr gelangweilt und sehr sehr gereizt. Trotzig (wenn auch eher unbewusst) stecke ich meine Hände in die Rocktasche. Mittlerweile stand ich seit über einer Stunde redend vor machtgeilen Frauen. „TAKE YOUR HANDS OUT OF YOUR POCKETS!“ bellte sie mich an. Huihuihui.  Ich musste mein Gepäck auf den Tresen legen. Von außen inspizierte sie die Taschen. Hab ich es aus den Augen gelassen seit dem Packen? Hat mir jemand ein Geschenk gegeben? Ach herrjeh, das kannte ich doch schon. „NO!“ sagte ich, wohl etwas genervt. Sofort sprang die, die mich zuvor so schnippisch angesprochen hatte, ihrer Chefin bei. „Ma’am, what is wrong with you???“ „You are interrogating me like I did something wrong when I came to your country!“ „So, this is our security!“ blaffte sie zurück. Währenddessen passierten andere Passagiere die Stelle, die mir zum Verhängnis wurde, unbekümmert.

Ja, ich bin gefährlich!

„OK, we have to check your luggage!“ Wie aus dem Nichts erschienen drei große starke Männer, nahmen mein Gepäck. Ein Vierter trieb mich vor sich her – ab in einen sprengsicheren Raum. Ich sollte mich in eine Ecke setzen, während mein Gepäck auf Tresen gelegt wurde und einen Grobscan erhielten. Dann musste ich vor den Augen von 10 Sicherheitsmenschen meine Koffer und Taschen öffnen. Ich wurde ich in eine kleine Kabine geführt, wo eine 6. Frau mir erklärte, was ich alles auziehen sollte. Halbnackt stand ich vor ihr. Haarklammern raus! Sie fuhr durch meine Haare, und während ich noch sinnierte, was ich an meiner Kopfhaut schmuggeln könnte (… Oder suchte sie einen Chip?…) piepste ihr Gerät. Oh ja, ich hab Bügel in meinem BH, ich Terrorist. Die nicht so clever wirkende Frau war verunsichert und holte meinen Lieblings-Officer. Die segnete dann, nach etwas Tasten, meinen BH als ungefährlich ab. Nach einer Abtastung, Beine breit und an die Wand, durfte ich meine mittlerweile gecheckten Klamotten wieder anziehen. Auch mein Handy und mein Portemonaie bekam ich zurück. Aus einer Ecke beobachtete ich, zunehmend zynischer werdend, wie, mit Ausnahme meines persönlichen Bodyguards, alle in meinen Sachen rumwühlten. Besonders verdächtig fanden sie die Lindt-Schokolade, die Caro mir zugesteckt hatte bevor ich flog. Ja, das war dann sicher das Bombengeschenk. Die Chefin wurde gerufen, die Schokolade zu beurteilen. Ich erwartete, testweise ein Stück essen zu müssen. So wie ich auch testweise meinen Akku ausbauen, meinen Laptop und mein Handy hochfahren musste, Programme öffnen, runterfahren. Aber nein. Ein versiegelter 10er Packen CD-Rohlinge tauchte auf. „Open it!“ Ich öffnete das Siegel, und mit Hingabe scannte einer der Männer jede selbst nocheinmal versiegelte CD. Dann war die Tamponpackung dran. Jeder einzeln, versteht sich. Während ich zwei Männer beobachtete, wie sie meine Unterwäsche abtasteten, kam ein anderer zu mir, einen meiner schwarzen Stiefel in der Hand. „Where is the other one?“. Ich war mittlerweile auf einem Punkt, alles lustig zu finden. Ich schickte sie auf die Suche in den Kleiderberg, der mal ein gepackter Koffer gewesen war. „Should be in a seperate plasticbag!“. Ja, mit einzelnen Schuhen zu Reisen ist verdächtig. Das sie mich nicht auf die zugehörige einzelne Socke ansprachen, verwunderte mich. Ich wartete auf den Freudenschrei, den sie ausstoßen würden wenn sie den kleinen Anstecker mit palästinensischer Flagge finden würden, der mir zum Abschied gegeben worden war (ein anderes Bombengeschenk). Aber sie sagten einfach gar nichts mehr zu mir. Irgendwann durfte ich anfangen, mein Handgepäck zu packen. Mein Wachmann nahm mir jedes zweite Teil aus der Hand und wog ab, ob ich dieses mit an Bord nehmen dürfe. Ja, mit der Halskette hatte ich vorgehabt, den Piloten zu erwürgen…

Bye Bye Laptop

Sie holten zwei Kartons. Der netteste Mann in der Runde erklärte mir, dass mein Ladegerät aus Sicherheitsgründen separat als Gepäckstück verschickt würde. Nagut, das hatte ich schon gehört. Ich unterschrieb auf dem Karton, so dass ich ihn wiederfinden würde unter all den anderen Terroristenkartons.

Ich stopfte genervt, gestresst, alles irgendwie in meinen Koffer, entledigte mich einiger weiterer Kleidungsstücke, die so nicht mehr in den schon vorher zum Platzen gefüllten Koffer passten. „And what about my Laptop?“ Mittlerweile waren nur noch 4 Männer im Raum. Ähhh…“We will send it to Istanbul with a different flight. We have to do some more tests.!“ AAAH! Der Zeitpunkt des Abflugs nahte. Ich unterschrieb ein Formular, dass das mein Laptop sei, und schwuppdiwupp schob ich, flankiert von 3 Beamten, meinen Wagen aus dem Sprengraum.

Eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten wär nett gewesen..

Sie checkten mich ein, brachten mich durch spezielle Hinterwege und Sicherheitstüren direkt zur letzten Passkontrolle und Boarding-Area-Check-In. Dort verliessen sie mich. „Bye!“ Mein Handgepäck, ebenso wie mein normales Gepäck und mein Pass waren mit hunderten roter Aufkleber beklebt. Und dieser letzte Mann sagte, wie ich eingangs schrieb, das sarkastischste, und in meinen Ohren nettest klingende „Shalom, Shalom!“ das ich jemals gehört habe. Er zeigte auf ein ebenfalls rot getapedes Mädchen, mutmaßlich Palästinenserin. „Are you travelling together?“ Wissend lächtelten wir uns an, schüttelten den Kopf, und stiefelten, innerlich kochend, jeder zu einem anderen Boardingbereich.

Der Rest der Reise ist schnell erzählt. Noch vor dem Einsteigen lernte ich Sue kennen, eine Amerikanerin, die eine Nummer 5, also nur das Verhör und den Handgepäckcheck absolviert hatte. Zur Erklärung: Diplomaten bekommen eine Sicherheitsnummer 1, Palästinenser eine 6, alles andere kommt drauf an. Wir redeten uns den Frust von der Seele, tauschten unsere Erlebnisse und Gedanken aus, die erschreckend ähnlich waren. Netterweise saßen wir auch nebeneinander, und nach einem Redeschwall landeten wir 2,5 Stunden später sicher in Istanbul.

Mit meinen roten Markierungen war ich schon wer. Ich hatte das Gefühl, Teile des türkischen Flughafenpersonals zollten mir Respekt mit meinem Terrorkarton und roten Punkten. Auch mein Busfahrer freute sich: „Ah! From Israel? Welcome to Turkey. “ Ich strahlte ihn an, er mich, Bedirhan und ich wurden Freunde. „Arkadas mi?“ „Evet, Arkadas!“

Fazit: Das tue ich mir nicht nocheinmal an. Das Gebiet sieht mich erst wieder, wenn man aus einem eigenständigen palästinensischen Staat direkt ausreisen kann. Chalass!

Nach einer sehr verrückten Odysee des Einander-Verpassens und meinem türkischen Taxifahrer Ibrahim (Arkadaslar mi?), der mit einem fremden Mann in Linns Dolmus-Sammeltaxi den Treffpunkt von Linn und mir erörterte, war es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis in mein neues Domizil.

Der erste Tag begann sehr gut! Burcu, meine türkische Mitbewohnerin, machte ein großes türkisches Frühstück, zig Käsesorten, türkische Eier, türkischer Tee, und gemeinsam mit Linn, einer ihrer Freundinnen und meiner französischen Mitbewohnerin Zoé verbrachten wir Stunden diskutierend im Wohnzimmer.

Ich machte dann später meinen Einstufungstest im Sprachencenter, wo ich Judith kennenlernte, die auch vor ein paar Wochen in Jerusalem war und wie ich ein Semester kein Türkisch hatte – wir hatten sogar gleich viele Punkte. Kurs 2, yeah!

Nun sitze ich, von Burcu mit mehr Tee versorgt, hier und bin zum Umfallen müde. I LOVE ISTANBUL!

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Merry Christmas und Happy Chanukka!

Dezember 24, 2008 at 3:57 pm (jerusalem)

Hallo ihr alle,

ich wünsche euch ein wunderschönes, friedliches, gemütliches Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben! Hier pfeift der Wind, und ich bin momentan gegen die Nachtwanderung nach Bethlehem – wir werden sehen!

Weihnachtsschmuck auf der St. George School in Ostjerusalem

Weihnachtsschmuck auf der St. George School in Ostjerusalem

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Kaffeesätze und Chickpoints – 5 Tage Sinai.

Dezember 15, 2008 at 8:28 pm (jerusalem) (, , )

Dass meine Flipflops Ägypten so schnell wiedersehen würden, hätten sie, sofern möglich, und ich, möglich, nicht gedacht. Als Susann uns beiden je ein Paar in einem seltsamen Schuhladen in Alexandria kauften, hatte ich schon genug von den dortigen Stränden. Müll, Männer, Megastressig. Aber die 5 Tage Urlaub an einem leeren sauberen Strand inmitten der roten, nüchternen Felsen des Sinai, irgendwo auf der Hälfte zwischen Taba und Dahab am Golf von Aqaba haben mich vollständig mit ägyptischen Stränden ausgesöhnt.

Vom Toten Meer zum Roten Meer

Steineschmeissen am Grenzübergang

Steineschmeissen am Grenzübergang

Am Dienstagmorgen brachen 9 lustige Gestalten in zwei Autos auf. 7 deutsche Pässe, 1 kroatischer und 1 israelischer Pass begannen eine lange Autofahrt vorbei an kleinen Beduinenansammlungen und karger Wüstenlandschaft, bis nach einer guten halben Stunde plötzlich auf der linken Seite das Tote Meer auftauchte. Schwefelgeruch begleitete uns auf dem Weg an der Küste, die von diversen Urlaubsresorts durchsetzt war. Salzanlagen, Wüste again. Und noch mehr Wüste. Nach knapp 5 Stunden Fahrt tauchte plötzlich das Rote Meer vor unseren Augen auf, bald erreichten wir den Grenzübergang in Taba. Lange Autoschlangen, noch längere Menschenschlangen standen vor uns. Das Auto blieb auf einem Parkplatz an der Grenze, und wir marschierten schneckengleich durch die unzähligen, teilweise unglaublich sinnlosen Stationen der Grenzanlage. Ein Passcheck nach jeder Station. Die letzte Schlange, die zum ersehnten ägyptischen Visum führen sollte, stand quasi still. Menschenmassen, die sich an einem einzigen Grenzer vorbeischleusen mussten. Doch Hoffnung war in Sicht. Da drei Mitreisende im Besitz von Dienstpässen waren und wir scheinbar schon bekannt waren, wurden wir aus der Schlange gewunken und nach vorne geholt. Nur um dort festzustellen, dass das mit den Visa doch nicht so einfach war. Ein paar Diskussionen und Dokumentenschlachten später standen wir endlich auf ägyptischem Boden.

„Saed? Der ist gestern gestorben!“

Wir in der Cafeteriahütte

Wir in der Cafeteriahütte

Wir sollten von einem Fahrer unseres Urlaubs-Strandes abgeholt werden, Saed war angeblich schon auf dem Weg. Beim Umhören unter den umherstehenden, um Fahrgäste bettelnden Taxifahrern erfuhr Henrik „Saed? Der ist gestern gestorben“. Gut, dass er das 30 Minuten zuvor scheinbar auferstanden war, so fielen wir nicht darauf herein und Tadaaa. Ein quietschlebendiger Saed stand plötzlich vor uns und brachte uns müde Reisende ins Camp, das wir gegen 7 Uhr erreichten. Kennenlernen der Familie, die das Camp vor 6 Jahren zu errichten begonnen hatte, Essen, Reden, Schlafen.

„Sagt ein Clownfisch zu einer Annemone…“

Ausblick aus der Schlafhütte

Ausblick aus der Schlafhütte

Am nächsten Morgen verschlug es mir die Sprache, als ich aus der Tür meiner Schlafhütte trat. Meer, palmengedeckte Sonnenschutzdächer, im Hintergund verschwommen die Küste Saudi-Arabiens. Hinter uns Felsen, Felsen und noch mehr Felsen.

Schwimmen, grandioses Frühstück. Schnorcheln? Warum nicht? Direkt vor der Cafeteriahütte (mit leckerem Frühstück….) war der Zugang zu einem kleinen Riff – perfekt zum Ausprobieren. Aber – atmen ist gar nicht so einfach. Zumal wenn der Schnorchel nicht so recht passt und die Brille ab und zu Wasser einlässt. Unter viel hektischem Gepruste verbrachte ich einige Zeit damit, ruhig zu atmen, um dann ein paar Blicke unter Wasser zu wagen. Korallen, ein paar kleine bunte Fische -Uuh sind die nah.

Unsere Schlafhütte

Unsere Schlafhütte

Prustend tauchte ich auf und sah einer strahlenden Carolin ins Gesicht: „Da hinten sind Seeigel mit sooo langen Stacheln!“ „AAAAH“. Ich war bald wieder an Land. Tiere ohne Fell sind mir unheimlich. Generell. Während andere strahlend von Feuer-, Doktor- und Meterlangen Fischen berichteten, begnügte ich mich mit bezaubernden Hunden und Katzen an Land, sowie ein paar Abkühlungen weit abseits des Riffs.

„Mini Sharm El-Sheikh“

Kamele müssen draussen bleiben...

Kamele müssen draussen bleiben...

Einen Abend wollten wir etwas Abstand zum Faulenzen am Strand gewinnen und fuhren ins knapp eine Stunde entfernte Dahab. Touristenshops, Restaurants, Tauchschulen und ein Internetcafé.

Jeder dort wollte einen entweder ins Restaurant oder seinen Shop ziehen. Da die Promenade sehr leer war, konzentrierte sich das auf die wenigen Passanten. Im Internetcafe entdecken wir die Sternstunden deutscher Literatur. „Ein Bernhardiner namens Möpschen“ wurde zum Titel des Abends gekürt.

„Mach kein Scheiss, komm rein!“

Mit diesem Satz überzeugte uns ein junger Mann, ein Fischrestaurant zu betreten – wollten doch zwei von uns unbedingt Hummer essen. „I’ll give you 20% discount on the meals, plus Salads and Dessert for free! Das Essen wurde alufolienreich serviert, Teller in Alufolie, Alufoliengarnituren, überall Alufolie. Sah schick aus, mit den ausgehölten Zwiebeln als Kerzenleuchter darauf. Das Dessert stellte sich als ein Eisbecher für alle zusammen heraus, also bespaßten wir uns mit Kaffeesatzleserei aus den kleinen arabischen Kaffeetassen. Der Kellner fand das eher verwunderlich, wir wissen jetzt definitiv mehr über das Leben. Die größte Kaffeesatzleserei war jedoch die Rechnung. Weder stimmten die Preise mit denen aus der Karte überein oder den für den ausgesuchten Fisch genannten Preisen, noch konnte das auf den 20% Discount zurückgeführt werden. Ein paar Diskussionen und zahlreiche Taschenrechnertippereien später wurde sich auf ein Preis geeinigt, und wir stützten uns ins Shoppingvergnügen. Nach einer kleinen Verhandlung schenkte mir „mein“ Verkäufer Muhammad einen großen blauen Skarabäus, zwinker zwinker! Eine Straße weiter trafen wir die Familie, die unser Lager leitete, beim Essen. Um den Spruch auszureizen: Kleine Welt!

Chickpoints, Checkpoints und Kamele

Abendstimmung mit Shisha

Abendstimmung mit Shisha

Auf dem Sinai gab es entlang der von uns genutzten Straße kaum weniger Checkpoints (am Flughafen dank Tippfehler als Chickpoint bezeichnet)  als in der Westbank. Infolge der Terroranschläge auf dem Sinai werden Listen über Reisende erstellt, damit deren Reiseroute bei Entführung oder anderweitigem Chaos bis zu einem gewissen Zeitpunkt nachempfunden werden kann. Im Unterschied zur Westbank waren die Checkpoints jedoch von mindestens 10 Soldaten „besetzt“, die freundlich winkend die Schranke öffneten und sich wieder zu ihren teetrinkenden Kollegen setzten. Auf unseren Wegen liefen auch mehrfach ungezäumte Kamele auf dem Grünstreifen umher – woher die kamen? Keine Ahnung.

„Do you have any weapons?“

Hach....

Hach....

Die Wieder-Einreise nach Israel bereitete uns Kopfzerbrechen. Denen, die ihre Visas in zwei verschiedenen Pässen hatten, denen, die keinen Dienstpass hatten, denen die in Ramallah leben und denen, die gar keinen nennbaren Grund hatten, wieder nach Israel einreisen zu wollen. Also allen außer unserem israelischen Mitreisenden. Ein paar Fragen reichten jedoch aus, und alle waren drüben – was auch immer die mysteriösen Telefonate und Aufkleber zu bedeuten haben. Alle erhielten, sofern benötigt,  ein frisches 3-Monats-Visum. Lucky us. Mein Mitbewohner und sein Freund hatten erhebliche Probleme, als sie ein paar Stunden später den selben Grenzübergang überqueren wollten. Nach langer Diskussion und vielen Telefonaten bekam Andreas sein ebenfalls dringend benötigtes 3-Monats-Visum, sein Freund hingegen nur ein einmonatiges Visum, nach harten Verhandlungen. Er muss sein Praktikum beim Palestine Monitor nun abbrechen, nichts zu machen.

Back again

In meinem kleinen Viertel wurde ich schon vermisst. „Long time no see!“ strahlte mich der sonst mürrische kleine Kaufmann gegenüber an, als ich ihm am Abend einen Besuch abstattete. An der Bushaltestelle heute morgen guckte mich Samer vorwurfsvoll an. „Haven’t seen you for ages and you didn’t even call!“ „Sorry, I was in Egypt!“ „Oh, Pyramides?“ „No, Sinai!“ „Ah, smoking weed at the beach! Anyway, you should have called!“. Da kam dann auch der Bus und ich unterbrach das Gespräch durch geschickte Platzwahl.

Das Opferfest hingegen scheint sich in die Länge zu ziehen – gestern hatte ich binnen 24 Stunden 11 Feuerwerke vor meinem Fenster – das Highlight fand um 3.30 a.m. statt. Gestern und heute Abend waren die Straßen voller Menschen, Plastikstühle, Lichterketten, bunte Transparente. Ob die auch wieder aufhören zu feiern?

Im Rahmen meiner Abreise am Dienstag profitierte ich von der Feiertagsstimmung. Auf dem Weg zur Hauptstraße, um einen Bus zu erwischen, hörte ich neben mir einen der Ramallah-Busse starten. Hier ist es üblich, nach Dienstschluss den Bus vor der eigenen Haustür zu parken. Da ich fürchtete, an der Straße wegen des Feiertags ewig auf einen der regulären Busse zu warten, klopfte ich ans Fenster – „Can you take me to the bus station?“ „Aiwa!“ Ich sprang in den Bus. Ein paar Meter weiter hielt er jedoch vor einer Tür. Ein kleiner Junge lud mehrere Reisetaschen in den leeren Bus. Ein älterer Mann, wohl der Vater, brachte eine Kühlbox. Eine verschleierte ältere Frau kam aus der Haustür und stieg ein – ich saß im Familienausflugsbus. Wir fuhren an. Da rief die Frau etwas von hinten. Vollbremsung, Rückwärtsgang, sie lief ins Haus. „She thought the windows were’nt closed“ informierte mich mein Fahrer. Einsteigen, abfahren. Am Busbahnhof liess er mich aussteigen “ ‚Id Mubarak!“- und die kleine Familie fuhr von dannen – im Dienstbus :). Feiertagsstimmung ohne Blut ist wirklich schön!

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Wieder da.

Dezember 13, 2008 at 7:42 pm (jerusalem) (, )

Geschichten und mehr Fotos gibts in den kommenden Tagen. Bis dahin nur ein Foto starring meinen Zeigefinger, ein gutes Buch, ägyptischer Strand, das Rote Meer und in einer Nebenrolle im Hintergrund: Saudi-Arabien.

Neidisch?

Neidisch?

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‚Id Mubarak und ich bin dann mal weg.

Dezember 8, 2008 at 8:03 pm (jerusalem) (, )

Gestern Nacht hatte ich Alpträume. In der Realität blökten vor meinem Fenster Ziegen und Hammel, die heute geopfert wurden, in meinen Träumen watete ich durch Blutlachen. In der Realität dachte ich immer: Es könnte euer letztes Blöken sein. Im Traum wurde ich mit einem Hammelkopf beworfen. Nein, ich bin kein Freund des Opferfestes.

Heute morgen saß ich voller Widerwillen auf meinem Bett, nicht wollend, das die Träume Realität wurden. Aber siehe da – die Schlachtungen anläßlich des ‚Id al-Adha, des Opferfestes, vollzogen sich still in den Hinterhöfen. Auch in der Straße zum Büro, in der im letzten Jahr zwei Tiere auf der Straße geschlachtet wurden und das Blut den Hang hinablief, blieb alles staubig aber unbefleckt. ANdreas hingegen wurde etwas später vom Balkon unserer Wohnung aus Zeuge einer gut besuchten Schlachtung.

Mit dieser Stille auf den Straßen ging auch einher, dass ich eine halbe Stunde statt 3 Minuten auf den Bus warten musste – im Büro schwieg das Telefon und auch auf dem Rückweg war der Weg an der Straße herrlich abgasfrei..

Die Woche über ist das Büro zu, und ich fahre morgen mit 8 weiteren Menschen auf den Sinai. Aber wir haben unsere Unterkunft noch einmal gewechselt, da unser anvisiertes Ziel während des ‚id geschlossen ist. Neues Ziel ist der RoxyBeach einer deutschen Auswandererfamilie. Also, bis Sonntag!

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Die Siedler drehen durch. Und wir sind alle ein bisschen verrückt.

Dezember 6, 2008 at 3:30 pm (hebron, israel, jerusalem, palästina, rezensionen)

Gestern wäre ich in Hebron gewesen, hätte nicht am Nachmittag zuvor das israelische Militär das Beit HaShalom in der Stadt geräumt. Vor einiger Zeit hatte ich ja bereits über die Situation dort gebloggt. In der Innenstand Hebrons leben ca. 800 Siedler zwischen 20 000 Palästinensern. Auch wenn Siedlungen dem Völkerrecht zufolge illegal sind, in der Regel ist die Unterstützung Israels größer als das Agieren gegen sie. Doch vorgestern wurde eines der Siedlerhäuser in Hebron geräumt – und die Reaktion erfolgte unmittelbar. In Hebron griffen die Siedler- unterstützt nicht nur durch die Gemeinschaft vor Ort, sondern durch angereiste Siedler aus der gesamten Westbank – nicht nur ihr eigenes Militär, sondern auch an dem Geschehen unbeteiligte Palästinenser an. Mehrere Häuser und Autos in der Stadt brannten, es gab über 50 Verletzte. In der gesamten Westbank und Jerusalem herrschte erhöhte Vorsicht – denn es kam zu mehreren Racheübergriffen von Siedlern auf Palästinenser. So wurde in der Nähe von Ramallah das Feuer auf zwei Palästinenser eröffnet und ihr Haus angezündet. Siedlerkinder blockierten mehrere Zufahrtsstraßen nach Jerusalem, es kam zu zahlreichen Verhaftungen. Auch der Zugang zum Gebet der Muslime in der Al-Aqsa Moschee am Freitag wurde aus Angst vor Zusammenstößen nach dem Gebet stark reguliert. Nur Männer über 45 Jahren mit einer israelischen ID-Karte erhielten Zugang zum Tempelberg.  Doch zumindest in Jerusalem scheint alles recht ruhig geblieben zu sein. Infos und Videos über die Situation, umfassender als in der Tagesschau, gibt es u.a. hier bei Haaretz.

Und in Bethlehem waren sie auch oft verrückt.

Bei einem kurzen Besuch in Bethlehem besuchte ich die Geburtskirche. Durch einen sehr kleinen Eingang klettert man gebeugt in die Kirche. Während ich noch sinnierte, vor wem und in welche Richtung ich mich hier symbolisch verneigte, erfuhr ich, dass diese tiefe Verneigung all der Millionen Besucher rein sicherheitsstrategischen Interessen früherer Herrscher geschuldet ist. Von außen sieht man, das der mittlere Eingang der Kirche, die sich über der vermeintlichen Geburtsgrotte Jesus‘ befindet, einst ein großes rechteckiges Eingangsportal besaß. Später wurde es zu einem kleineren rundbogigen Eingang verkleinert, der viell. zwei große Männer nebeneinander durchgelassen hätte. Doch die Kirche wurde zu oft von berittenen Beduinen aus der Umgebung geplündert, so dass der Eingang schliesslich zu diesem 1,20 m hohen Schlupfloch verkleinert wurde, das simples Hereinreiten unmöglich macht. Die Tore rechts und links dieses Eingangs wurden gänzlich zugemauert.

Der Hauptteil der Kirche, die schon im frühen 6. Jahrhundert von Kaiser Justitian I. erbaut wurde und damit zu den ältesten christlichen Gebetsstätten gehört, befindet sich im Besitz der griechisch-orthodoxen Kirche. Dazu gehören vor allem das Kirchenschiff, die Seitenschiffe, der Chor und Altarraum, das südliche Querschiff sowie der Geburtsaltar in der Geburtsgrotte. Die armenische Orthodoxie hält die Besitzrechte an dem nördlichen Querschiff und dem dortigen Altar. Sie hat gelegentlich auch den griechisch-orthodoxen Altar in der Grotte genutzt. Die römisch-katholische Kirche hat Besitzrechte auf den Dreikönigsaltar im Bereich der Geburtsgrotte, bekannt als die „Krippengrotte“. Armenier und Katholiken haben Durchgangs- und Prozessionsrechte im Kirchenschiff – was auch unter Geistlichen auch heute hin und wieder zu Keilereien führt – in größerem Stil vor knapp einem Jahr, als sie mit Eisenstangen aufeinander losgingen.

In Bethlehem ist die Mauer sehr sehr präsent, vorbei an überdimensionalen Weihnachtsmännern und kleinen Häusern (an einer Stelle auch durch ein Haus durch), begleitet einen die Sperranlage durch weite Teile der Stadt. Beschriftet, mit überdimensionalen Plakaten beklebt, aber immer da. Am Checkpoint aus der Stadt heraus eine lange Schlange. Touristenbusse, Privatmenschen, Wir. Plötzlich Unruhe „Is there a doctor? Menschen hasteten am Auto vorbei: „Are you a doctor?“ Alle Menschen stiegen aus ihren Autos. Was war los? „Heart Attack“! Am Auto ganz vorne in der Schlange sammelte sich eine kleinere Menschentraube. Nach einer Viertelstunde kam ein Krankenwagen aus dem nahen Jerusalem – womit kaum jemand in der Schlange gerechnet zu haben schien. Scheinbar war esdoch nur ein Kreislaufkollaps. Und die Soldaten? Die feixten währenddessen unbeteiligt vor sich hin. Schon bei derlei Berichten, aber erst recht bei direktem Erleben frage ich mich, wohin Menschlichkeit so einfach verschwinden kann.

Aufgeschmissen in Tel Aviv

Ich war diese Woche kurz in Tel Aviv und machte meine ersten kleineren Erlebnisse in einer israelischen Umgebung. Das begann schon auf der Fahrt zum israelischen Busbahnhof  – durch Mea Schearim fahrend und das angrenzende Ge’ula, sah ich fast nur noch orthodoxe Juden, am Busbahnof brüllte der Fahrer lauthals TEL AVIV TEL AVIV TEL AVIV – es war ein Sammeltaxi. Hätte ich den echten Bus nehmen wollen, hätte ich zuerst eine Sicherheitsschleuse passieren müssen. Also rein ins Sammeltaxi, das sich nach und nach füllte. Als die Frau neben mir das Geld einsammelte stellte sich heraus, das keiner der Insassen englisch sprechen wollte oder konnte – mit meiner Hand und Fuß Argumentation musste die Frau schliesslich reagieren und meinen Geld mit dem Hinweis „Tel Aviv“ an den Fahrer weiterreichen. Das Anti-Englisch-Erlebnis setzte sich den Tag über fort. Der erste Taxifahrer den ich mir in Tel Aviv schnappte verstand kein Wort und konnte auch meine ausgedruckte Zieladresse nicht lesen – der zweite glücklicherweise schon. Und so gings weiter – inoffizielle Statistik: 2 von 14 Tel Avivern die ich ansprach, sprachen englisch mit mir. Da lob ich mir meine palästinensischen Fahrer und Kaufleute und Busbekanntschaften in Jerusalem und Ramallah. Das zweite Problem an Tel Aviv ist, dass viele Schilder rein hebräisch beschriftet sind – und das kann ich absolut nicht lesen. Für den Rückweg nach Jerusalem nahm ich den großen Bus und versuchte mich in hebräischem Wort-Bingo: „Shalom! Yerushalaim! (dann drückte ich dem Fahrer Geld in die Hand und erhielt meinen Fahrschein) Toda!“ Während der Fahrt machte ich die Bekanntschaft eines Maschinengewehrs. Da die junge Soldatin neben mir schlief, drohte das Ungetüm abzurutschen, also musste ich es zwischen uns festklemmen. In Jerusalem angekommen wollte ich bei einem kleinen israelischen Bäcker etwas Gebäck für das Büro kaufen – Englisch? Fehlanzeige. Aber – dank eines Hinweises einer weiteren Frau im Laden konnten wir das lustige Einkaufsraten dann mit einem französisch-gestikulier-Gemisch fortsetzen.

Fieser Vorteil in Ramallah

Ich war diese Woche auch wieder in Ramallah und das erste Mal sollte es mit dem Bus zurückgehen. Nach drei Versuchen, bei denen ich auf arabisch nach dem Weg fragte und auch halbwegs verständliche Antworten erhielt (obwohl Carolin und ich eigentlich ganz nah dran waren) nahm uns eine ältere Frau an die Hand und brachte uns bis ins Bushochhaus. Am Checkpoint mussten dann alle Palästinenser aussteigen, nur wir mit einem ausländischen Pass durften sitzen bleiben. Eine Soldatin stieg ein, checkte kurz unsere Papiere – am anderen Ende des Checkpoints stiegen die anderen Fahrgäste wieder ein und weiter ging es nach Jerusalem. Die Ausstiegsregelung finde ich nach wie vor nicht in Ordnung!

Omar Youssef Stories

Der Autor über den ich im Folgenden schreibe, zeigt euch hier ein wenig von Bethlehem – enjoy!

Am Mittwoch war ich wie angekündigt im Willy Brandt Zentrum bei der Lesung von Matt Beynon Rees. Der Engländer war  unter ande Büroleiter des Time-Magazine in Jerusalem und hat nun seinen 4. Krimi mit Handlungsorten in den Palästinensischen Gebieten veröffentlicht.

Im Gespräch erzählte der Autor, dass es als in dieser Region als Journalist oft schwierig sei, Interviews umfassend zu veröffentlichen, da die Gefahr für den Interviewten zu hoch sei oder dieser aus Selbstschutz nicht alles frei sagte. Als er jedoch begonnen habe, seine Gespräche mit interessanten Menschen im Gazastreifen und der Westbank vor dem Hintergrund seiner Romanrecherchen zu führen, seien diese Probleme weggefallen – durch das Einflechten der Informationen in fiktive Charaktere könne so ein viel realistischeres Bild vermittelt werden, als abstrakte Interviews oder Faktenauflistungen über „10 Tote da und da“ die Situation erklären könnten. Die Reaktion auf seine Bücher ist positiv und weitreichend. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch von israelischer Leserschaft kamen positive Worte über die Bücher, da sie ihnen einen Einblick in eine Welt vermittelten, zu der sie keinen Zugang hätten.

Informationen zum Autor und seinen Büchern gibt es auf der Homepage von Matt Beynon Rees.

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