Kaffeesätze und Chickpoints – 5 Tage Sinai.

Dezember 15, 2008 at 8:28 (jerusalem) (, , )

Dass meine Flipflops Ägypten so schnell wiedersehen würden, hätten sie, sofern möglich, und ich, möglich, nicht gedacht. Als Susann uns beiden je ein Paar in einem seltsamen Schuhladen in Alexandria kauften, hatte ich schon genug von den dortigen Stränden. Müll, Männer, Megastressig. Aber die 5 Tage Urlaub an einem leeren sauberen Strand inmitten der roten, nüchternen Felsen des Sinai, irgendwo auf der Hälfte zwischen Taba und Dahab am Golf von Aqaba haben mich vollständig mit ägyptischen Stränden ausgesöhnt.

Vom Toten Meer zum Roten Meer

Steineschmeissen am Grenzübergang

Steineschmeissen am Grenzübergang

Am Dienstagmorgen brachen 9 lustige Gestalten in zwei Autos auf. 7 deutsche Pässe, 1 kroatischer und 1 israelischer Pass begannen eine lange Autofahrt vorbei an kleinen Beduinenansammlungen und karger Wüstenlandschaft, bis nach einer guten halben Stunde plötzlich auf der linken Seite das Tote Meer auftauchte. Schwefelgeruch begleitete uns auf dem Weg an der Küste, die von diversen Urlaubsresorts durchsetzt war. Salzanlagen, Wüste again. Und noch mehr Wüste. Nach knapp 5 Stunden Fahrt tauchte plötzlich das Rote Meer vor unseren Augen auf, bald erreichten wir den Grenzübergang in Taba. Lange Autoschlangen, noch längere Menschenschlangen standen vor uns. Das Auto blieb auf einem Parkplatz an der Grenze, und wir marschierten schneckengleich durch die unzähligen, teilweise unglaublich sinnlosen Stationen der Grenzanlage. Ein Passcheck nach jeder Station. Die letzte Schlange, die zum ersehnten ägyptischen Visum führen sollte, stand quasi still. Menschenmassen, die sich an einem einzigen Grenzer vorbeischleusen mussten. Doch Hoffnung war in Sicht. Da drei Mitreisende im Besitz von Dienstpässen waren und wir scheinbar schon bekannt waren, wurden wir aus der Schlange gewunken und nach vorne geholt. Nur um dort festzustellen, dass das mit den Visa doch nicht so einfach war. Ein paar Diskussionen und Dokumentenschlachten später standen wir endlich auf ägyptischem Boden.

„Saed? Der ist gestern gestorben!“

Wir in der Cafeteriahütte

Wir in der Cafeteriahütte

Wir sollten von einem Fahrer unseres Urlaubs-Strandes abgeholt werden, Saed war angeblich schon auf dem Weg. Beim Umhören unter den umherstehenden, um Fahrgäste bettelnden Taxifahrern erfuhr Henrik „Saed? Der ist gestern gestorben“. Gut, dass er das 30 Minuten zuvor scheinbar auferstanden war, so fielen wir nicht darauf herein und Tadaaa. Ein quietschlebendiger Saed stand plötzlich vor uns und brachte uns müde Reisende ins Camp, das wir gegen 7 Uhr erreichten. Kennenlernen der Familie, die das Camp vor 6 Jahren zu errichten begonnen hatte, Essen, Reden, Schlafen.

„Sagt ein Clownfisch zu einer Annemone…“

Ausblick aus der Schlafhütte

Ausblick aus der Schlafhütte

Am nächsten Morgen verschlug es mir die Sprache, als ich aus der Tür meiner Schlafhütte trat. Meer, palmengedeckte Sonnenschutzdächer, im Hintergund verschwommen die Küste Saudi-Arabiens. Hinter uns Felsen, Felsen und noch mehr Felsen.

Schwimmen, grandioses Frühstück. Schnorcheln? Warum nicht? Direkt vor der Cafeteriahütte (mit leckerem Frühstück….) war der Zugang zu einem kleinen Riff – perfekt zum Ausprobieren. Aber – atmen ist gar nicht so einfach. Zumal wenn der Schnorchel nicht so recht passt und die Brille ab und zu Wasser einlässt. Unter viel hektischem Gepruste verbrachte ich einige Zeit damit, ruhig zu atmen, um dann ein paar Blicke unter Wasser zu wagen. Korallen, ein paar kleine bunte Fische -Uuh sind die nah.

Unsere Schlafhütte

Unsere Schlafhütte

Prustend tauchte ich auf und sah einer strahlenden Carolin ins Gesicht: „Da hinten sind Seeigel mit sooo langen Stacheln!“ „AAAAH“. Ich war bald wieder an Land. Tiere ohne Fell sind mir unheimlich. Generell. Während andere strahlend von Feuer-, Doktor- und Meterlangen Fischen berichteten, begnügte ich mich mit bezaubernden Hunden und Katzen an Land, sowie ein paar Abkühlungen weit abseits des Riffs.

„Mini Sharm El-Sheikh“

Kamele müssen draussen bleiben...

Kamele müssen draussen bleiben...

Einen Abend wollten wir etwas Abstand zum Faulenzen am Strand gewinnen und fuhren ins knapp eine Stunde entfernte Dahab. Touristenshops, Restaurants, Tauchschulen und ein Internetcafé.

Jeder dort wollte einen entweder ins Restaurant oder seinen Shop ziehen. Da die Promenade sehr leer war, konzentrierte sich das auf die wenigen Passanten. Im Internetcafe entdecken wir die Sternstunden deutscher Literatur. „Ein Bernhardiner namens Möpschen“ wurde zum Titel des Abends gekürt.

„Mach kein Scheiss, komm rein!“

Mit diesem Satz überzeugte uns ein junger Mann, ein Fischrestaurant zu betreten – wollten doch zwei von uns unbedingt Hummer essen. „I’ll give you 20% discount on the meals, plus Salads and Dessert for free! Das Essen wurde alufolienreich serviert, Teller in Alufolie, Alufoliengarnituren, überall Alufolie. Sah schick aus, mit den ausgehölten Zwiebeln als Kerzenleuchter darauf. Das Dessert stellte sich als ein Eisbecher für alle zusammen heraus, also bespaßten wir uns mit Kaffeesatzleserei aus den kleinen arabischen Kaffeetassen. Der Kellner fand das eher verwunderlich, wir wissen jetzt definitiv mehr über das Leben. Die größte Kaffeesatzleserei war jedoch die Rechnung. Weder stimmten die Preise mit denen aus der Karte überein oder den für den ausgesuchten Fisch genannten Preisen, noch konnte das auf den 20% Discount zurückgeführt werden. Ein paar Diskussionen und zahlreiche Taschenrechnertippereien später wurde sich auf ein Preis geeinigt, und wir stützten uns ins Shoppingvergnügen. Nach einer kleinen Verhandlung schenkte mir „mein“ Verkäufer Muhammad einen großen blauen Skarabäus, zwinker zwinker! Eine Straße weiter trafen wir die Familie, die unser Lager leitete, beim Essen. Um den Spruch auszureizen: Kleine Welt!

Chickpoints, Checkpoints und Kamele

Abendstimmung mit Shisha

Abendstimmung mit Shisha

Auf dem Sinai gab es entlang der von uns genutzten Straße kaum weniger Checkpoints (am Flughafen dank Tippfehler als Chickpoint bezeichnet)  als in der Westbank. Infolge der Terroranschläge auf dem Sinai werden Listen über Reisende erstellt, damit deren Reiseroute bei Entführung oder anderweitigem Chaos bis zu einem gewissen Zeitpunkt nachempfunden werden kann. Im Unterschied zur Westbank waren die Checkpoints jedoch von mindestens 10 Soldaten „besetzt“, die freundlich winkend die Schranke öffneten und sich wieder zu ihren teetrinkenden Kollegen setzten. Auf unseren Wegen liefen auch mehrfach ungezäumte Kamele auf dem Grünstreifen umher – woher die kamen? Keine Ahnung.

„Do you have any weapons?“

Hach....

Hach....

Die Wieder-Einreise nach Israel bereitete uns Kopfzerbrechen. Denen, die ihre Visas in zwei verschiedenen Pässen hatten, denen, die keinen Dienstpass hatten, denen die in Ramallah leben und denen, die gar keinen nennbaren Grund hatten, wieder nach Israel einreisen zu wollen. Also allen außer unserem israelischen Mitreisenden. Ein paar Fragen reichten jedoch aus, und alle waren drüben – was auch immer die mysteriösen Telefonate und Aufkleber zu bedeuten haben. Alle erhielten, sofern benötigt,  ein frisches 3-Monats-Visum. Lucky us. Mein Mitbewohner und sein Freund hatten erhebliche Probleme, als sie ein paar Stunden später den selben Grenzübergang überqueren wollten. Nach langer Diskussion und vielen Telefonaten bekam Andreas sein ebenfalls dringend benötigtes 3-Monats-Visum, sein Freund hingegen nur ein einmonatiges Visum, nach harten Verhandlungen. Er muss sein Praktikum beim Palestine Monitor nun abbrechen, nichts zu machen.

Back again

In meinem kleinen Viertel wurde ich schon vermisst. „Long time no see!“ strahlte mich der sonst mürrische kleine Kaufmann gegenüber an, als ich ihm am Abend einen Besuch abstattete. An der Bushaltestelle heute morgen guckte mich Samer vorwurfsvoll an. „Haven’t seen you for ages and you didn’t even call!“ „Sorry, I was in Egypt!“ „Oh, Pyramides?“ „No, Sinai!“ „Ah, smoking weed at the beach! Anyway, you should have called!“. Da kam dann auch der Bus und ich unterbrach das Gespräch durch geschickte Platzwahl.

Das Opferfest hingegen scheint sich in die Länge zu ziehen – gestern hatte ich binnen 24 Stunden 11 Feuerwerke vor meinem Fenster – das Highlight fand um 3.30 a.m. statt. Gestern und heute Abend waren die Straßen voller Menschen, Plastikstühle, Lichterketten, bunte Transparente. Ob die auch wieder aufhören zu feiern?

Im Rahmen meiner Abreise am Dienstag profitierte ich von der Feiertagsstimmung. Auf dem Weg zur Hauptstraße, um einen Bus zu erwischen, hörte ich neben mir einen der Ramallah-Busse starten. Hier ist es üblich, nach Dienstschluss den Bus vor der eigenen Haustür zu parken. Da ich fürchtete, an der Straße wegen des Feiertags ewig auf einen der regulären Busse zu warten, klopfte ich ans Fenster – „Can you take me to the bus station?“ „Aiwa!“ Ich sprang in den Bus. Ein paar Meter weiter hielt er jedoch vor einer Tür. Ein kleiner Junge lud mehrere Reisetaschen in den leeren Bus. Ein älterer Mann, wohl der Vater, brachte eine Kühlbox. Eine verschleierte ältere Frau kam aus der Haustür und stieg ein – ich saß im Familienausflugsbus. Wir fuhren an. Da rief die Frau etwas von hinten. Vollbremsung, Rückwärtsgang, sie lief ins Haus. „She thought the windows were’nt closed“ informierte mich mein Fahrer. Einsteigen, abfahren. Am Busbahnhof liess er mich aussteigen “ ‘Id Mubarak!“- und die kleine Familie fuhr von dannen – im Dienstbus :) . Feiertagsstimmung ohne Blut ist wirklich schön!

1 Kommentar

  1. Verena sagte,

    Hört sich traumhaft an! Love your blog, Ma’am!

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