Die Siedler drehen durch. Und wir sind alle ein bisschen verrückt.

Dezember 6, 2008 at 3:30 pm (hebron, israel, jerusalem, palästina, rezensionen)

Gestern wäre ich in Hebron gewesen, hätte nicht am Nachmittag zuvor das israelische Militär das Beit HaShalom in der Stadt geräumt. Vor einiger Zeit hatte ich ja bereits über die Situation dort gebloggt. In der Innenstand Hebrons leben ca. 800 Siedler zwischen 20 000 Palästinensern. Auch wenn Siedlungen dem Völkerrecht zufolge illegal sind, in der Regel ist die Unterstützung Israels größer als das Agieren gegen sie. Doch vorgestern wurde eines der Siedlerhäuser in Hebron geräumt – und die Reaktion erfolgte unmittelbar. In Hebron griffen die Siedler- unterstützt nicht nur durch die Gemeinschaft vor Ort, sondern durch angereiste Siedler aus der gesamten Westbank – nicht nur ihr eigenes Militär, sondern auch an dem Geschehen unbeteiligte Palästinenser an. Mehrere Häuser und Autos in der Stadt brannten, es gab über 50 Verletzte. In der gesamten Westbank und Jerusalem herrschte erhöhte Vorsicht – denn es kam zu mehreren Racheübergriffen von Siedlern auf Palästinenser. So wurde in der Nähe von Ramallah das Feuer auf zwei Palästinenser eröffnet und ihr Haus angezündet. Siedlerkinder blockierten mehrere Zufahrtsstraßen nach Jerusalem, es kam zu zahlreichen Verhaftungen. Auch der Zugang zum Gebet der Muslime in der Al-Aqsa Moschee am Freitag wurde aus Angst vor Zusammenstößen nach dem Gebet stark reguliert. Nur Männer über 45 Jahren mit einer israelischen ID-Karte erhielten Zugang zum Tempelberg.  Doch zumindest in Jerusalem scheint alles recht ruhig geblieben zu sein. Infos und Videos über die Situation, umfassender als in der Tagesschau, gibt es u.a. hier bei Haaretz.

Und in Bethlehem waren sie auch oft verrückt.

Bei einem kurzen Besuch in Bethlehem besuchte ich die Geburtskirche. Durch einen sehr kleinen Eingang klettert man gebeugt in die Kirche. Während ich noch sinnierte, vor wem und in welche Richtung ich mich hier symbolisch verneigte, erfuhr ich, dass diese tiefe Verneigung all der Millionen Besucher rein sicherheitsstrategischen Interessen früherer Herrscher geschuldet ist. Von außen sieht man, das der mittlere Eingang der Kirche, die sich über der vermeintlichen Geburtsgrotte Jesus’ befindet, einst ein großes rechteckiges Eingangsportal besaß. Später wurde es zu einem kleineren rundbogigen Eingang verkleinert, der viell. zwei große Männer nebeneinander durchgelassen hätte. Doch die Kirche wurde zu oft von berittenen Beduinen aus der Umgebung geplündert, so dass der Eingang schliesslich zu diesem 1,20 m hohen Schlupfloch verkleinert wurde, das simples Hereinreiten unmöglich macht. Die Tore rechts und links dieses Eingangs wurden gänzlich zugemauert.

Der Hauptteil der Kirche, die schon im frühen 6. Jahrhundert von Kaiser Justitian I. erbaut wurde und damit zu den ältesten christlichen Gebetsstätten gehört, befindet sich im Besitz der griechisch-orthodoxen Kirche. Dazu gehören vor allem das Kirchenschiff, die Seitenschiffe, der Chor und Altarraum, das südliche Querschiff sowie der Geburtsaltar in der Geburtsgrotte. Die armenische Orthodoxie hält die Besitzrechte an dem nördlichen Querschiff und dem dortigen Altar. Sie hat gelegentlich auch den griechisch-orthodoxen Altar in der Grotte genutzt. Die römisch-katholische Kirche hat Besitzrechte auf den Dreikönigsaltar im Bereich der Geburtsgrotte, bekannt als die “Krippengrotte”. Armenier und Katholiken haben Durchgangs- und Prozessionsrechte im Kirchenschiff – was auch unter Geistlichen auch heute hin und wieder zu Keilereien führt – in größerem Stil vor knapp einem Jahr, als sie mit Eisenstangen aufeinander losgingen.

In Bethlehem ist die Mauer sehr sehr präsent, vorbei an überdimensionalen Weihnachtsmännern und kleinen Häusern (an einer Stelle auch durch ein Haus durch), begleitet einen die Sperranlage durch weite Teile der Stadt. Beschriftet, mit überdimensionalen Plakaten beklebt, aber immer da. Am Checkpoint aus der Stadt heraus eine lange Schlange. Touristenbusse, Privatmenschen, Wir. Plötzlich Unruhe “Is there a doctor? Menschen hasteten am Auto vorbei: “Are you a doctor?” Alle Menschen stiegen aus ihren Autos. Was war los? “Heart Attack”! Am Auto ganz vorne in der Schlange sammelte sich eine kleinere Menschentraube. Nach einer Viertelstunde kam ein Krankenwagen aus dem nahen Jerusalem – womit kaum jemand in der Schlange gerechnet zu haben schien. Scheinbar war esdoch nur ein Kreislaufkollaps. Und die Soldaten? Die feixten währenddessen unbeteiligt vor sich hin. Schon bei derlei Berichten, aber erst recht bei direktem Erleben frage ich mich, wohin Menschlichkeit so einfach verschwinden kann.

Aufgeschmissen in Tel Aviv

Ich war diese Woche kurz in Tel Aviv und machte meine ersten kleineren Erlebnisse in einer israelischen Umgebung. Das begann schon auf der Fahrt zum israelischen Busbahnhof  – durch Mea Schearim fahrend und das angrenzende Ge’ula, sah ich fast nur noch orthodoxe Juden, am Busbahnof brüllte der Fahrer lauthals TEL AVIV TEL AVIV TEL AVIV – es war ein Sammeltaxi. Hätte ich den echten Bus nehmen wollen, hätte ich zuerst eine Sicherheitsschleuse passieren müssen. Also rein ins Sammeltaxi, das sich nach und nach füllte. Als die Frau neben mir das Geld einsammelte stellte sich heraus, das keiner der Insassen englisch sprechen wollte oder konnte – mit meiner Hand und Fuß Argumentation musste die Frau schliesslich reagieren und meinen Geld mit dem Hinweis “Tel Aviv” an den Fahrer weiterreichen. Das Anti-Englisch-Erlebnis setzte sich den Tag über fort. Der erste Taxifahrer den ich mir in Tel Aviv schnappte verstand kein Wort und konnte auch meine ausgedruckte Zieladresse nicht lesen – der zweite glücklicherweise schon. Und so gings weiter – inoffizielle Statistik: 2 von 14 Tel Avivern die ich ansprach, sprachen englisch mit mir. Da lob ich mir meine palästinensischen Fahrer und Kaufleute und Busbekanntschaften in Jerusalem und Ramallah. Das zweite Problem an Tel Aviv ist, dass viele Schilder rein hebräisch beschriftet sind – und das kann ich absolut nicht lesen. Für den Rückweg nach Jerusalem nahm ich den großen Bus und versuchte mich in hebräischem Wort-Bingo: “Shalom! Yerushalaim! (dann drückte ich dem Fahrer Geld in die Hand und erhielt meinen Fahrschein) Toda!” Während der Fahrt machte ich die Bekanntschaft eines Maschinengewehrs. Da die junge Soldatin neben mir schlief, drohte das Ungetüm abzurutschen, also musste ich es zwischen uns festklemmen. In Jerusalem angekommen wollte ich bei einem kleinen israelischen Bäcker etwas Gebäck für das Büro kaufen – Englisch? Fehlanzeige. Aber – dank eines Hinweises einer weiteren Frau im Laden konnten wir das lustige Einkaufsraten dann mit einem französisch-gestikulier-Gemisch fortsetzen.

Fieser Vorteil in Ramallah

Ich war diese Woche auch wieder in Ramallah und das erste Mal sollte es mit dem Bus zurückgehen. Nach drei Versuchen, bei denen ich auf arabisch nach dem Weg fragte und auch halbwegs verständliche Antworten erhielt (obwohl Carolin und ich eigentlich ganz nah dran waren) nahm uns eine ältere Frau an die Hand und brachte uns bis ins Bushochhaus. Am Checkpoint mussten dann alle Palästinenser aussteigen, nur wir mit einem ausländischen Pass durften sitzen bleiben. Eine Soldatin stieg ein, checkte kurz unsere Papiere – am anderen Ende des Checkpoints stiegen die anderen Fahrgäste wieder ein und weiter ging es nach Jerusalem. Die Ausstiegsregelung finde ich nach wie vor nicht in Ordnung!

Omar Youssef Stories

Der Autor über den ich im Folgenden schreibe, zeigt euch hier ein wenig von Bethlehem – enjoy!

Am Mittwoch war ich wie angekündigt im Willy Brandt Zentrum bei der Lesung von Matt Beynon Rees. Der Engländer war  unter ande Büroleiter des Time-Magazine in Jerusalem und hat nun seinen 4. Krimi mit Handlungsorten in den Palästinensischen Gebieten veröffentlicht.

Im Gespräch erzählte der Autor, dass es als in dieser Region als Journalist oft schwierig sei, Interviews umfassend zu veröffentlichen, da die Gefahr für den Interviewten zu hoch sei oder dieser aus Selbstschutz nicht alles frei sagte. Als er jedoch begonnen habe, seine Gespräche mit interessanten Menschen im Gazastreifen und der Westbank vor dem Hintergrund seiner Romanrecherchen zu führen, seien diese Probleme weggefallen – durch das Einflechten der Informationen in fiktive Charaktere könne so ein viel realistischeres Bild vermittelt werden, als abstrakte Interviews oder Faktenauflistungen über “10 Tote da und da” die Situation erklären könnten. Die Reaktion auf seine Bücher ist positiv und weitreichend. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch von israelischer Leserschaft kamen positive Worte über die Bücher, da sie ihnen einen Einblick in eine Welt vermittelten, zu der sie keinen Zugang hätten.

Informationen zum Autor und seinen Büchern gibt es auf der Homepage von Matt Beynon Rees.

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