„Shabbat Shalom!“ Vertraue keinem Stadtplan
Heute morgen machte ich mich auf die Suche nach dem kürzesten Weg zur FES. Eigentlich ganz einfach, so sah es auf der Karte aus. An irgendeiner Stelle muss ich jedoch falsch abgebogen sein. Und anstatt durch arabische Straßen zu gehen, fand ich mich in einem jüdischen Viertel wieder, das, wie ich jetzt las, Mea She’arim heisst und von ultra-orthodoxen Juden bewohnt wird. Männer und Kinder schleppten massenhaft Einkäufe für den am Abend beginnenden Shabbat heran. Mein Lonely Planet verriet mir weiterhin, dass dieses wirklich andere Viertel von osteuropäischen Einwandern Ende des 18. Jahrhunderts nach ihren Gewohnheiten umgebaut wurde, und hier nur die tiefreligiösen Menschen leben. Man solle sich für ein Betreten des Viertels angemessen kleiden, absolut keine Fotos machen und keine Kinder (von denen es im am schnellsten wachsenden Viertel der Stadt verdammt viele gibt) ansprechen, man könnte sonst verbal oder mit Steinen zur Ordnung gerufen werden. Glücklicherweise war ich zu feige, dort nach dem Weg zu fragen und zum fotografieren nicht voyeuristisch genug. So trottete ich, mich von meiner vermeintlichen inneren Orientierung lenken lassend, immer weiter, bis ich zu einer in beiden Richtung dreispurigen Straße kam.
In einer Parallelwelt….
Aber diese Straße war auf beiden meiner Karten nicht verzeichnet, auch sonst fand ich keine der zugegebenermaßen kleinen Straßen wieder. Es scheint eine auf der ehemals grünen Linie, die Ost-und Westjerusalem trennte, neugebaute Straße zu sein. Ein wenig verwirrt stand ich in gleissender Sonne (es war noch heißer als gestern) auf einer Verkehrsinsel, als ein touristisch gekleidetes älteres Paar zu mir kam. „Excuse me, we are lost, do you know where we are?“ Nö. Aber die wollten auch wo ganz anders hin. Glücklicherweise wirkte die „armer-Tourist-mit-riesengroßer-Karte-die-immer-wegknickt“ Nummer dann schließlich doch, und ein Taxifahrer wies mir die Richtung. Außer, dass ich einen kreisförmigen Umweg gemacht hatte, war ich nicht so weit von der Nablus Road entfernt, wie ich gedacht hatte. Auf meinem Weg rannten viele arabische Männer mit Gebetsketten an mir vorbei. Auch die orthodoxen Juden in ihrem Viertel zuvor waren viel gerannt. Welch ungewohnte Hektik für ein Land im Nahen Osten.
Eastern Bus Station am Freitag
Aufgrund des wichtigstem Gebets der Muslime am Freitagmittag war der arabische Busbahnhof unglaublich voll und unglaublich unübersichtlich. Ich stiefelte also so schnell es ging durch den brodelnden Platz und lief die Nablus-Road immer weiter hoch, vorbei an amerikanischen Einrichtungen, dem British Council etc. An der Kreuzung Wadi-Joz, an der ich abbiegen sollte, fuhren jede Menge UN-Busse an mir vorbei und machten das Überqueren der je nach Fahrern mal zwei-, mal vierspurigen Straße trotz der Kreuzung etwas abenteuerlich. Die Gegend sah immer mehr nach Niemandsland aus. Leere Hänge, Müll, Katzen. Aber da, da blinkte ein Schild, Friedrich-Ebert-Stiftung. Nach ein paar weiteren Windungen den Berg hinauf sah ich das Gebäude vor mir und kehrte beruhigt um.
Am Damascus-Gate war die Hölle los. Auf den gestern nur spärlich besetzten Stufen ergoss sich heute ein Schuh- und Kleidermarkt, dessen Ware feilbietende Händler einen unglaublichen Lautstärkepegel entwickelten. Ich betrat die Altstadt erneut durch das Tor, in der Hoffnung, heute die Via Dolorosa zu finden. Und tatsächlich.
„Wait for the cross!“
Plötzlich stand ich vor ihr. „It’s station three and four here!“ erklärte mir ein zahnloser alter Mann, der täglich wohl viele Menschen anspricht, vielleicht auch beer7, mit der ich auch das versehentliche Durchqueren von Mea Sche’arim teile. Die Via Dolorosa bezeichnet den Weg, den Jesus mutmaßlich nach seiner Verurteilung in der Amtsstube Pontius Pilatus (Station 1) bis zu seiner Grabstelle in der Grabeskirche (Station 19) zurückgelegt hat. Ich beschloss also, in Richtung von Station 2 und 1 aufzubrechen, und betrat die uralte Straße. Doch auch hier spürte ich religiöse Stimmung weniger als erhofft, trotz Kreuze in der Hitze umherschleppenden Menschen, doch ich scheine auch diesen Eindruck mit anderen zu teilen. Touristenshops, hin und wieder ein Auto, ich war enttäuscht, als mich plötzlich ein Mann, der ein bisschen aussah wie Sam aus „Herr der Ringe“, zu sich rief. „It’s station two here. You want me to show you around?“ Die alte Franziskanerkapelle soll die Stelle sein, an der Jesus das Kreuz zu schultern begann. In der Kapelle beteten zwei tiefverschleierte Nonnen auf englisch ein mitreissendes Gebet. Sam abschüttelnd, machte ich mich auf zu Station 1, doch die Straße, die im Lions-Gate endet, war fast leer. Ich bog nach rechts ab, nicht wissend wie nah ich mich am Tempelberg befand und hatte plötzlich einen ausgestreckten Arm mit Maschinengewehr vor mir. „It’s Muslims only, lady!“ Dem Soldaten, der mir den Weg versperrte, tat es ja wirklich leid, mich nicht einlassen zu dürfen und wollte mich nach seinem Dienst auf einen Kaffee einladen, wohl um mich zu überzeugen, mein Praktikum doch lieber wie alle guten Deutschen in Haifa zu absolvieren, nicht in den arabischen Vierteln von Jerusalem. „Haifa is such a great city!“
Ich musste also, wenn ich nicht schon wieder außerhalb der Stadtmauern laufen wollte, die Via Dolorosa zurücklaufen, wo ich von dem Samwise Gumgee ähnelnden Mann und seinem arabischen Freund aufgehalten wurde. Nach ein wenig Diskussion über meine Wahrnehmung der Via Dolorosa und dem Hinweis auf die in Kürze stattfindende Franziskaner-Kreuzprozession wollte ich mich davon machen, als Sam auf die Knie ging. „You don’t want me as a husband?“ Hä? Davon war nicht die Rede. Irgendwie verlor ich die Via Dolorosa, die ab der Ecke, an der ich sie betreten hatte einen seltsamen Verlauf nimmt, aus den Augen und befand mich wieder in Bazar-Straßen.
Making friends
Ein kleines afrikanisches Mädchen um die 6 Jahre lief mit 2 Freundinnen vor mir, dann neben mir und ergriff plötzlich vertrauensvoll meine Hand, strahlte mich an und hüpfte neben mir die Stufen hinauf, woraus wir ein Spiel entwickelten, ohne zu sprechen. Dies bewahrte mich auch vor Kaufaufforderungen der umliegenden Geschäfte. Am Ende der Straße fragte die Kleine „Are you American?“ „No, I am from Germany, and you?“ „I am Ethiopian! I like you!“ Und hüpfte zum Süßigkeitenladen, ihren Freundinnen hinterher. Ich nahm wieder eine andere Gasse, und stieg immer weiter einen Hügel hinauf, bis ich bei einer alten Kreuzfahrerburg ankam, und schließlich, bergablaufend, am Jaffa Gate landete.
Da ich noch nichts gegessen hatte und jeder Laden auf dem Weg mich schon durch seine Straßenfänger abgestoßen hatte, beschloss ich, wieder beim Libanesen neben dem Hostel zu essen. Die drei alten Männer strahlten. „Good to see you again! Falafel and Tea again?“ Prompt stand ein Teller vor mir, ohne den von mir gestern verschmähten Bestandteil salzig eingelegten Gemüses, dafür mit einem Brotfladen mehr als die restlichen Gäste. Auch der Tee wurde fertig, dieses Mal ohne Teebeutel serviert. Es stellte sich heraus, dass der eine der alten Männer der Vater des Jungen ist, mit dem ich mich gestern darüber streiten musste, ob ich seinen neben dem Hostel gelegenen Shop betreten müsse oder nicht. Heute begrüßten wir uns bei unseren zahlreichen Treffen nur knapp, aber freundlich.
Wie ich als Jüdin durchging…
Ich beschloss, zu Beginn des Shabbat auf das Aussichtsdach zu klettern, von dem aus man dem Gebet an der Klagemauer zuschauen kann. Ich fand den Aufstieg nicht, wanderte aber durch das jüdische Viertel, in dem herausgeputzte jüdische Familien herumliefen, die meisten auf dem Weg in die Synagoge, in der ich vorgestern mit Joseph war, oder zur Klagemauer. Die meisten, auch die Frauen, waren wie ich in schwarze und weisse Kleidung gehüllt, und nur so kann ich mir die folgenden Ereignisse erklären. Auf dem Weg zu einer anderen kleinen Terasse, von der aus man einen guten Blick auf die Klagemauer hat, passierte ich viele Juden, die mir nicht nur „Shabat Shalom“ wünschten, sondern noch einen Schwall hebräischer Worte hinzufügten, die ich nur mit einem „Sorry? Shabat Shalom!“ erwidern konnte. Die Terasse, die ich suchte, war überfüllt mit jungen Mädchen, die bebend beteten, und um sie nicht zu stören, kehrte ich zurück zum Hurva-Platz, dem Zentrum des jüdischen Viertels, wo mich erneut ein älterer, freundlich lächelnder Mann auf hebräisch ansprach. Als er meine fehlenden Hebräischkenntnisse bemerkte, fragte er besorgt auf französisch, ob ich noch keinen Ort hätte, den Shabbat zu feiern. Er lud mich ein, mir einen Ort zu zeigen, an dem neu angekommene Juden von Familien nach dem Gebet aufgesammelt werden, um mit ihnen den Schabbat mit einem großen Essen zu begehen. Ich wagte das Rollenspielexperiment dann doch nicht in letzter Instanz und outete mich als Nichtjüdin, wünschte dem alten Mann einen Shabat Shalom, und ging, vorbei an hebräisch laut singenden Jugendlichen, aufgeputzen Familien und hastig zur Klagemauer eilenden Chassidims zurück zum Hostel. Wunderschöne Stimmung!
Leaving Friends
Ich setzte mich mit meinem Laptop auf die Dachterasse meines Hostels, und redete mit dem Rezeptionisten über das Feuerwerk im muslimischen Viertel, die unterschiedlichen Gebetszeiten der Moscheen und vieles mehr. In wunderbarer Abendstimmung vermischten sich die Rufe der Muezzins mit Kirchenglocken. Plötzlich war es dunkel und kalt, und ich zog mich in mein mittlerweile geliebtes Zimmer zurück, dass ich morgen verlassen werde. Da klopfte es an der Tür. „Riko?“ Es war Amir, meine erste Bekanntschaft in der Altstadt. „So you will leave tomorrow?“ „Yes!“ „I hope to see you again some day! Visit me, you are welcome! Have a great time“. Und schon war er wieder weg. Bye, bye, Altstadt!




carolinmader sagte,
November 1, 2008 um 12:16
Es fängt an dir zu gefallen, was? Der Eintrag versprühte irgendwie so eine positive Stimmung, toll toll, ich freu mich schon auf den nächsten.